Ingrid Michaelson: “Wenn du etwas Gutes machst, erwarten die Leute immer mehr”

Ingrid Michaelson

Ingrid Michaelson präsentierte ihr neues Album in Deutschland

Ihr Hit “Be OK” läuft als Untermalung eines Werbespots im TV rauf und runter, zahlreiche ihrer Songs wurden für TV-Serien wie “Grey’s Anatomy” oder “The Vampire Diaries” ausgesucht – dennoch ist Ingrid Michaelson in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Zuletzt veröffentlichte sie hierzulande 2009 das Album “Everybody”. Jetzt startet die Sängerin mit ihrem neuen Album “Lights Out” (VÖ: 13.06.2014) wieder durch. Im Zuge dessen präsentierte Ingrid Michaelson ein paar neue und alte Songs in Berlin. Zuvor stellte sie sich Prominent24.de zum Interview.

Prominent24.de: Hättest du jemals gedacht, dass du so erfolgreich sein würdest, als du damals deine ersten Aufnahmen bei MySpace veröffentlicht hast?

Ingrid Michaelson: Anfangs dachte ich, das wird bestimmt total leicht und ich würde schon bald große Konzerte geben. Doch dann habe ich gemerkt, wie schwer es tatsächlich ist. Einige Jahre vergingen und ich dachte, “ok, das wird hart”. Ich habe nicht verstanden, was es bedeutet, ein Musiker zu sein. Als mich dann ein Musikmanager entdeckt hat, fragte er mich, ob ich bereit sei, acht, neun Monate im Jahr weg von Zuhause zu sein. Ich habe gelogen und gesagt “klar”, dabei wusste ich gar nicht, wovon er überhaupt spricht. Ich dachte, ich mache eine Tour und den Rest der Zeit bin ich Zuhause. Auch wenn mir nicht bewusst war, wie viel Arbeit es tatsächlich ist, ein Musiker zu sein, war es die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.

Prominent24.de: Du hast von Beginn an deine eigenen Songs geschrieben. Wie denkst du heute über Songs, die du vor zehn Jahren geschrieben hast? Kannst du dich heute noch an die Situationen und Emotionen erinnern, die dich damals inspiriert haben?

I.M.: Ja, das tue ich. Ich habe schon vor 10, 11 Jahren angefangen, Songs zu schreiben. Aber bis vor etwa sieben Jahren war noch kein Erfolg absehbar. Niemand außer meinen Eltern kam zu meinen Shows. Ich erinnere mich, dass ich sehr einsam war damals. Aber heute fühle ich mich wie eine andere Person, manche Songs haben jetzt eine ganz andere Bedeutung für mich. Das ist das Schöne an der Musik, sie verändert sich, wenn man sich selbst weiterentwickelt. Außerdem kann jeder für sich etwas anderes aus den Songs ziehen, es gibt nicht nur eine Bedeutung. Kunst ist eben sehr subjektiv.

Ingrid Michaelson

Ingrid Michaelson

Prominent24.de: Du warst sehr krank im vergangenen Jahr. Wie hat dich diese Phase deines Lebens verändert und wie hat sie deine Musik beeinflusst?

I.M.: Angefangen hat alles Anfang des Jahres. Ich habe eine Schilddrüsenerkrankung, ich bekam Magenprobleme, meine Kehle hat gebrannt wie Feuer. Ich konnte nicht mehr singen, wollte nicht mehr rausgehen. Dabei war ich mitten in den Aufnahmen für das Album. Das hat mich sehr deprimiert. Noch dazu ging es meinen Eltern nicht gut und ich wollte mich um sie kümmern, was jedoch nicht ging, da es mir selbst so schlecht ging. Auch wenn es eine harte Zeit war, war es letzten Endes aber das Beste, was mir hätte passieren konnte. Denn es zwang mich, mir Hilfe zu suchen. Ich musste meine Ernährungsgewohnheiten und meine ganze Lebensweise umstellen. Das hat auch meine Arbeit am Album beeinflusst, denn ich habe mir Co-Writer und sechs Produzenten an die Seite geholt, die mich unterstützten. So wurde das Album zu einer Art “Familienangelegenheit”.

Prominent24.de: Aber war es nicht auch seltsam, dass andere Leute deine Songs bearbeitet haben?

I.M.: Ich dachte immer, das wäre es. Aber wenn es dir schlecht geht, wirst du offen für die Unterstützung anderer. Es bleibt dir gar nichts anderes übrig. In meinem Kopf hat sich ein Schalter umgelegt und ich habe mich darauf eingelassen, dass mir andere Leute beim Schreiben helfen. Das war die beste Erfahrung, die ich je gemacht habe. Deshalb ist mein aktuelles Album auch meine bisherige Lieblingsplatte. Ich bin so stolz darauf. Wenn du mit jemandem einen Song schreibst, hast du eine Verbindung für immer – wie ein gemeinsames Kind.

Prominent24.de: Manche Kritiker haben “Lights Out” bereits zu deinem besten Album erklärt. Aber wenn das schon dein bestes Album war, was soll dann noch kommen?

I.M.: Das ist der Nachteil im Leben eines Musikers: Wenn du etwas Gutes machst, dann erwarten die Leute immer mehr. Aber es gab auch negative Kritik zu “Lights Out”. Doch ich freue mich auch darüber, denn ich liefere die beste Arbeit ab, wenn es etwas Negatives gibt, an dem ich arbeiten und das ich besser machen kann.

Prominent24.de: Manche Leute kritisieren deinen angeblichen Imagewechsel von der Indie-Musikerin zur Pop-Sängerin. Was entgegnest du ihnen?

I.M.: Das ist ein Vorurteil, ich habe schon immer Pop-Musik gemacht. Manche Songs sind stärker bearbeitet, mit mehr Sounds und Instrumenten, aber es gibt auch ganz pure Songs nur mit Piano oder Gitarre. Die meisten Menschen mögen keine Veränderung. Aber manchmal muss man ein Album eben drei, vier Mal hören bis es einem gefällt. Man kann keinen Song beurteilen, von dem man nur ein paar Sekunden bei iTunes gehört hat. Ich wäre sehr unglücklich, wenn ich mein ganzes Leben lang immer das gleiche machen würde.

Ingrid Michaelson - Lights Out

Ingrid Michaelson – Lights Out

Prominent24.de: Warum hast du dein Album “Lights Out” genannt? Das klingt sehr düster.

I.M.: Letzets Jahr sind viele schlimme Dinge passiert. Wenn es dir und den Menschen, die dir nahe stehen, schlecht geht, fängst du eben an, über Dinge wie Leben und Tod nachzudenken. Man stellt Dinge in Frage und denkt über die größeren Zusammenhänge nach. Die Songs handeln auch davon, los zu lassen. Wenn ich über etwas Trauriges schreibe, versuche ich aber auch immer, etwas Hoffnungsvolles einzubringen. Ich will nicht, dass die Leute aus den Songs die Erkenntnis ziehen, dass wir alle sterben werden, sondern, dass wir lieber die kurze Zeit genießen sollten, die wir hier sind. Das Leben ist hart, umso mehr sollten wir jeden schönen Moment genießen. Es ist, als würde ich das auch zu mir selbst sagen. Ich bin eine sehr nostalgische, nachdenkliche Person. Ich lebe in der Vergangenheit und habe Angst vor der Zukunft. Nur wenn ich schreibe oder performe, lebe ich wirklich im Hier und Jetzt. Der Rest besteht nur aus ständiger Sorge oder Angst.

“Lights Out” hat sich aber auch zu einem Scherz zwischen mir und meiner Band entwickelt, den wir im Tourbus reißen. Einer sagt “Licht aus” und tut so, als ob er schlafen wollen würde. Aber wir wissen genau, dass keiner von uns schlafen will.

Prominent24.de: Gibt es einen Song auf “Lights Out”, der dir besonders am Herzen liegt?

I.M.: Ja, der Song “Wonderful unknown”. Kein Song bisher ist auf die gleiche Weise entstanden wie dieser. Ich habe in Nashville mit einigen Leuten an neuen Songs gearbeitet und mich sehr von der Musikszene dort inspirieren lassen. Ich habe angefangen, den Song mit “Garage Band” aufzunehmen. Aber ich war so müde, dass ich mit dem Laptop auf der Brust eingeschlafen bin. Als ich wieder aufgewacht bin, habe ich ihn sofort fertig aufgenommen. Meine Stimme klang noch total verschlafen, ich habe den Song quasi im Halbschlaf geschrieben. Zwei Stunden später habe ich mich schon mit meinen Produzenten getroffen. Sie hatten bereits einen Beat für den Song und ich habe ihn in einem Rutsch aufgenommen.

Prominent24.de: Worum geht es in dem Song?

I.M.: Der Song beschreibt drei Stationen im Leben eines Paares: Zuerst haben sie ihr erstes Date, dann heiraten sie und bekommen Kinder und in der dritten Phase sitzen sie als altes Paar auf einer Bank. Man weiß nie, was auf einen zukommt, das ist dieses “wundervolle Ungewisse”, von dem der Song handelt. Ich weiß gar nicht, woher der Song kam. Es fühlt sich an, als hätte jemand anders ihn geschrieben und er wäre auf einmal in meinem Kopf gewesen. Dass mich mein Mann bei dem Song begleitet, ist das i-Tüpfelchen. Denn schließlich handelt der Song von ihm, davon, dass man die Liebe seines Lebens findet.

Prominent24.de: Ein Song auf “Lights Out” hat den Titel “Time Machine”. Wohin würdest du reisen, wenn es tatsächlich eine Zeitmaschine geben würde?

I.M.: Eine meiner liebsten Epochen ist das Europa des frühen 20. Jahrhunderts, wie in “Downtown Abbey” oder etwas früher. In Amerika gibt es nicht viel Altes. Deshalb will ich das Colosseum, die Pyramiden oder Stonehenge sehen. Man spürt die Verbindung zur Vergangenheit. Als Kind war ich so traurig, dass ich nicht in die Vergangenheit reisen kann. In die Zukunft würde ich nicht reisen, die macht mir Angst (lacht).

Das Interview mit Ingrid Michaelson führte Elisabeth Singer für Prominent24.de.

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